Neue Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurden, haben ein Phänomen dokumentiert, das bisher als einzigartig beim Menschen galt: ein „Bürgerkrieg“ innerhalb einer einzelnen Schimpansengemeinschaft. Im Kibale-Nationalpark in Uganda spaltete sich eine einst vereinte Gruppe von Ngogo-Schimpansen in zwei verfeindete Fraktionen, die jahrelang koordinierte, tödliche Aggressionen gegeneinander führten.
Ein plötzlicher Wandel in der sozialen Dynamik
Der Bruch wurde erstmals 2015 vom Primatologen Aaron Sandel bemerkt. Bei Routinebeobachtungen stellte er fest, dass Schimpansen, die zuvor als zusammenhängende Einheit gelebt hatten, sich untereinander mit starkem Misstrauen und Angst zu verhalten begannen. Was als bloße soziale Spannung erschien, entwickelte sich bald zu einer dauerhaften Kluft.
Bis 2018 hatte sich die Ngogo-Gemeinschaft in zwei verschiedene Einheiten gespalten: die westliche Gruppe und die zentrale Gruppe. Im Anschluss an diese Teilung startete die Westgruppe 24 anhaltende, koordinierte Angriffe gegen die Zentralgruppe. Die Gewalt war verheerend und führte zum Tod von mindestens sieben erwachsenen Männern und 17 Kleinkindern.
Warum hat sich die Gruppe aufgeteilt?
Forscher glauben, dass der Zusammenbruch dieser großen Gemeinschaft nicht durch ein einzelnes Ereignis verursacht wurde, sondern vielmehr durch einen „perfekten Sturm“ sozialer und umweltbedingter Stressfaktoren:
- Führungswechsel: Eine Verschiebung in der sozialen Hierarchie – insbesondere die Unterwerfung des Alpha-Mannes unter eine andere Person – schwächte die traditionelle Machtstruktur.
- Verlust des „sozialen Klebers“: Der Tod mehrerer wichtiger älterer Schimpansen in den Jahren vor der Spaltung löste wahrscheinlich die langjährigen sozialen Bindungen auf, die die verschiedenen Stadtteile zusammenhielten.
- Krankheitsausbrüche: Es wird angenommen, dass ein erheblicher Ausbruch im Jahr 2017 als Katalysator gewirkt hat und die endgültige Trennung zwischen den beiden Gruppen unvermeidlich gemacht hat.
Dies unterstreicht ein wichtiges biologisches Prinzip: Bei komplexen sozialen Arten hängt der Gruppenzusammenhalt oft von einigen wenigen Schlüsselpersonen ab. Wenn diese „Verbindungsstücke“ verloren gehen, kann das gesamte soziale Netzwerk brüchig werden und anfällig für Polarisierung sein.
Die evolutionäre Logik der Gewalt
Aus biologischer Sicht dient die Gewalt einem düsteren, aber kalkulierten Zweck. Evolutionsanthropologen stellen fest, dass dieser Konflikt der Logik der darwinistischen Fitness folgt. Durch den systematischen Angriff auf die Zentralgruppe gelang es der Westgruppe erfolgreich:
1. Ihre eigenen Überlebenschancen erhöht.
2. Reduzierte Überlebens- und Fortpflanzungserfolge ihrer Konkurrenten.
Die Ergebnisse sind deutlich: Die Zentralgruppe hat nun die niedrigsten Überlebensraten zu verzeichnen, die jemals in einer wilden Schimpansengemeinschaft dokumentiert wurden.
Implikationen für die Erhaltung
Während genetische Beweise darauf hindeuten, dass diese massiven sozialen Brüche möglicherweise nur alle 500 Jahre auftreten, wirft die Studie dringende Bedenken hinsichtlich der Zukunft der Menschenaffen auf.
Schimpansen sind bereits vom Aussterben bedroht. Wissenschaftler warnen davor, dass vom Menschen verursachte Störungen – wie Abholzung, Klimawandel und die Ausbreitung von Krankheiten – die sozialen Strukturen von Schimpansen häufiger destabilisieren könnten. Wenn diese Umweltbelastungen die Gruppenkonnektivität weiterhin schwächen, könnten diese gewalttätigen „Bürgerkriege“ in freier Wildbahn häufiger vorkommen.
„Es zeigt, dass soziale Bindungen und Netzwerkkonnektivität das Fundament des Gruppenzusammenhalts sind und dass diese Bindungen unter bestimmten Umständen brüchig werden können“, bemerkt Sylvain Lemoine von der Universität Cambridge.
Schlussfolgerung
Die Ngogo-Studie zeigt, dass selbst im Tierreich die soziale Stabilität fragil ist und durch Führungswechsel und Umweltstress zerstört werden kann. Diese beispiellose Beobachtung des „Bürgerkriegs“ bei Primaten dient als Warnung, dass vom Menschen verursachte Umweltveränderungen das soziale Überleben gefährdeter Arten grundlegend verändern könnten.
































